Dienstag, 6. August 2013

Tagebuch eines Penners

Tagebuch eines Penners.

Tag 1:
Es ist Dienstag und ich schlafe selbstverständlich aus. Bereits heute Nachmittag will ich an der Hauptwache in FFM flanieren, also geht es schnell zum Einkaufen. Auf meiner Liste stehen:
Pappkartons
Einwegkamera
Wasser
Eddings
MP3-Player
Batterien
Klebeband

Die Eddings und das Klebeband bekomme ich im Tedi für insgesamt 3 Euro, super Sache. MP3-Player, dazu passende Batterien und eine Einwegkamera kaufe ich im Saturn, wo ich gleichzeitig nach großen Kartons frage. Nachdem man mich an die Warenausgabe verweist, betätige ich die Klingel und sage dem Saturn Mitarbeiter ich bräuchte viele Kartons für ein Kunstprojekt. So lassen sich große Fragen vermeiden. Mit einem kritischen Blick schickt er mich mit einem "Guck dahinten, kannste alles haben" zu einem Kartonhaufen. Vor Ort zerkleinere ich diese zu "handlichen" Stücken. Verdammt, Pappe kann schwer sein. Ich trage sie auf dem Kopf, wie eine handelsübliche äthiopische Frau und ziehe zu meiner Belustigung verwirrte Blicke von Offenbacher Bürgern auf mich. Scham ist jedoch nicht vorhanden; Ich bin bereits in meine Rolle geschlüpft und beobachte amüsiert die Reaktionen auf mich. Schwer beladen noch einen Döner holen(Die letzte vernünftige Mahlzeit für 4 Tage) und dann ab mit der 106 Richtung Bude. Als ich die Zimmertür öffne, kommt mir erst einmal ein Lachflash seitens meiner Mitbewohnerin entgegen, der mich nach kurzer Zeit auch ansteckt.
 "Du ziehst das wirklich durch? Junge, du bist so durch."
Ich: "Sigga alde, um 4 gehts los".

Kurz darauf laufen die letzten Vorbereitungen:
- Kartons noch weiter verkleinern und zu einem Stapel zusammen binden
- Rucksack mit Wasser, Eddings, Buch, Tagebuch etc. füllen
- meinen Geldbeutel bis auf Perso und Semesterticket leeren
- älteste Jeans, weißes T-Shirt, weißer Hoodie und die löchrigen, 3 Jahre alten Sneakers an den Korpus anlegen
- MP3-Player mit Lieblingsmusik bespielen
- Facebook-Ankündigung machen
Auf geht’s!

Mein von mir gesetztes Ziel, 4 Uhr, konnte ich nicht mehr erreichen. Es ist halb 6 als ich das Haus verlasse.
Zum Kaiserlei mit dem Bus, Blicke werden verächtlicher, trotzdem strahle ich vor Vorfreude. 8 Minuten später stehe ich mitten auf der Hauptwache. Da italienische Woche ist, ist noch verdammt viel los.
Nach ein paar Überlegungen, beschließe ich mich direkt vor dem Esprit Laden niederzulassen.

Sobald ich auf dem Boden saß, war ich Penner. Es dauerte keine 3 Minuten, bis ich vom Sicherheitsmann des Ladens wieder verscheucht wurde. Er redete jedoch freundlich zu mir. Ich nahm meine Sachen und gesellte mich zu einem anderen Obdachlosen, der mir direkt gegenüber in einem Rollstuhl saß. Er hatte beide Beine amputiert und sprach schlechtes Deutsch. Ich bot ihm eine meiner beiden Decken an und er nahm mit einem herzerwärmendem Lächeln die Hochwertigere. Ich fragte ihn einige Dinge zu dem Leben auf der Straße, allerdings erfuhr ich kaum etwas, da sein Deutsch miserabel war. Kurz darauf kam ein Portier und sagte mir, dass ich hier nicht bleiben könne, weil hier ein Notausgang sei.
"Ist mir zwar egal, aber wenn die Stadtpolizei(früher Ordnungsamt) kommt, könnte es Probleme geben".
Alles klar. Ich wollte nicht direkt am ersten Tag Ärger bereiten und setzte mich deshalb an eine Werbesäule und schrieb die ersten Schilder.

Ich zitiere aus dem Vor-Ort Tagebuch(Das bis jetzt Geschriebene sind Erinnerungen):
Die ersten Plakate sind geschrieben und nun hat sich ein kleines Mädchen von ca. 3 Jahren neben mich gesetzt und malt 2 Kartons zu. Vollkommen natürlich und glücklich. Da es Anstalten macht zu regnen, füge ich ein Plakat mit "Regen, Nooooin!" hinzu, zur Freude der Jugendlichen, die auf der Sitzgelegenheit sitzen.
Da die Zigeunerfamilie, die scheinbar hier ihren Stammplatz hat(Das Mädchen gehört auch dazu), anfängt mit Micky-Maus und Hühnchen-Kostüm rumzulaufen und zu betteln, füge ich noch "Nur Bekloppte Hier" hinzu. Zahlreiche Menschen blieben vor den Schildern stehen und lesen, meist in folgendem Schema:
Schild lesen, Blickkontakt mit mir suchen, lächeln, entweder weiterlesen oder weitergehen.
Bin jetzt bei 10 Plakaten. Ich setze mich auf die Sitzgelegenheit und beobachtete die Reaktionen der Passanten, wenn sie dem Gewusel kein Gesicht zuordnen können. Sehr interessant. Ein anderer Obdachloser las sich das ganze durch, ohne großartige Regung im Gesicht. Bei dem Schild "Du kannst kein Glück finden, du musst es ERFINDEN" trat er dieses mit voller Wut weg und stapfte davon. Das ließ mich kurz Überlegen, ob ich wirklich weiß, was ich hier tue.
Die Stunden vergehen, ich komme mit einigen Leuten ins Gespräch. Unter anderem 2 Abiturienten, die versprechen mich morgen wieder zu besuchen. Der Obdachlose, dem ich meine Decke vermacht habe, schenkt mir eine halbe Pizza, die er selbst geschenkt bekommen hat. Fand ich nice.
Ich lernte einen Tontechniker/Musiker und einen Trader der Deutschen Bank kennen, die mich supporten. Verziert mit Bier und Zigaretten kamen Gespräche über Finanzen und dem System an sich, warum es überhaupt Obdachlose gibt usw. zum Ausdruck und bereicherten die nächsten Stunden. Mit dem Anderen rede ich über Beats, Musik etc. (Sehr interessant, aber da das zu fachlich ist und das den Rahmen sprengen würde, gehe ich nicht weiter drauf ein.)
Ich teste noch die Chakren der beiden zwischen zwei Schlücken Bier und gebe Therapieansätze(Warum auch nicht?).
Ein Schwuler stößt hinzu und erzählt aus seinem Leben (nicht interessant genug, um es hier zu erwähnen).

Der Musiker/Produzent begleitet mich zum Hilton Park, wo er annimmt, dass man dort gut nächtigen kann. Der Börsianer muss morgen arbeiten und verlässt uns aus diesem Grund. Es ist mittlerweile Mitternacht. Wir verbringen noch eine Zeit lang an einer Cocktailbar am Eschenheimer Tor, wo ich ein paar neue Leute kennenlerne. Auch eine Lesbe und einen Schwulen, die später noch eine Rolle spielen werden...
Vorwiegend aber einen jungen Mann, ca. 25 Jahre alt, der mir seine Lebensgeschichte erzählt. Scheinbar habe ich eine Aura für so etwas. Egal, nach 2 Stunden unterhaltsamer Gespräche breche ich zum nächtigen auf.
Auf der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz finde ich 2 bereits schlafende Kollegen und will nicht weiter stören. Ich verkrieche mich in ein Loch im Busch und baue mein provisorisches Bett aus meinen Schildern (Bild folgt). Ich lege mich hin und lausche dem Rascheln um mich herum, das von Zeit zu Zeit ertönt. Eigentlich ist es ganz schön hier, geschützt vom Blätterdach über mir, das Schnarchen der anderen in 30m Entfernung. 15 Minuten liege ich da, denke über die neu gewonnenen Erfahrungen nach, als plötzlich ein Rascheln ganz in der Nähe meines rechten Ohrs ertönt. Ich drehe meinen Kopf Richtung Rucksack und erblicke eine Blindschleiche. Gut, Angst habe ich vor diesen Tierchen nicht, doch im Schlaf von einer erklommen zu werden, ist sicher auch kein schönes Gefühl. Deswegen nehme ich den Rucksack und die mir verbliebene Decke und ziehe auf den Rasen vor dem Busch. Gerade als ich einschlafen will (ca. 2 Uhr), geht die Sprinkleranlage los. Zum Glück nicht in meiner Reichweite, aber es hat mir den Schlaf geraubt.

Ich entschied mich dafür zu meditieren, um meinem Körper die nötige Ruhe zu verschaffen. Eine dreiviertel Stunde später kamen die Lesbe und der Schwule den Weg entlang, sahen mich und setzten sich wortlos mir genau gegenüber. Und. machten. Miteinander. Rum. Zwei Homosexuelle, vom jeweils anderen Geschlecht, machten demonstrativ vor mir rum und begnügten sich mit Trockensexübungen. Und ja, ich bin mir sicher, dass es Homosexuelle waren, das spürt man, wenn man mit jemandem redet. Auf jeden Fall weiß ich bis heute nicht, was das sollte. Als sie nach einer halben Stunde sämtliche Posen durch hatten, standen sie mit einem kurzen Blick in meine Richtung auf und gingen. Ich lachte und wünschte ihnen noch viel Spaß, worauf sie dankten. Ich beendete die Meditation mit einem tiefen ausatmen, legte mich auf meine kleine Decke und beobachtete die Wolken, bis ich einschlief.